7. März 2004

[Bakonysarkany] Eine harsche Schneedecke, Vollmond, ein klarer Sternenhimmel, minus acht Grad. Ohne den Sack aus Faserpelz hielte ich es auf dem zugigen Hochsitz nicht lange aus. Hinter mir und rechts der Ilder-Wald. Nach links fällt das Feld mit den schwarz gewordenen Maisstauden ab. Vor mir rascheln die Reste der Stauden leise im kalten Hauch aus dem Osten. Eine blendendweiße Fläche umrahmt das Feld bis zum Gehölz, hinter dem die Straße verläuft.

Es ist 2030 Uhr. Zum sechsten Mal seit Silvester sitze ich in Kisber auf Sauen an, bisher ohne Anblick. Am Nachmittag bin ich im Jagdhaus angekommen, hab eingeheizt und festgestellt, dass die Wasserpumpe nicht funktioniert. Ich grüble über den möglichen Ursachen, als der Keiler austritt. Es muß ein Keiler sein. Das Stück ist allein, sehr stark, das Gewicht vorn. Breit steht der Basse und bricht, freilich in etwa zweihundert Meter Entfernung und in Schusslinie zur Straße. Die Hoffnung, dass er sich nähert, erfüllt sich nicht. Gegen 2130 Uhr baume ich ergebnislos ab.

Am nächsten Abend hab ich auch die Schrotflinte mit. Vielleicht tauchen die zwei Marder wieder auf, die gestern vorbeigehuscht sind. Sie tun es nicht. Gegen 2000 Uhr zieht rechts von mir eine Rotte hörbar durch den Wald. Gespannt warte ich auf ihren Austritt. Vergeblich. Große Stille. Später tritt rechts eine Geiß aus. Ein Kitz springt nach, ein zweites. Die Rehe queren das Maisfeld und tauchen wieder in den Wald ein.

Es ist 2115 Uhr und sehr kalt. Ich taste nach dem Reißverschluss, um mich aus dem Sack zu winden und den Ansitz abzubrechen. Da tritt an derselben Stelle wie am Vortag nicht der Keiler, sondern eine Bache aus mit vier, nein, fünf Überläufern im Gefolge. Sie ziehen auf eine tiefer gelegene Stelle zu, die aufgebrochen ist. Zweihundert Meter. Meine Chance wird offenbar nicht besser. Ich nehme das letzte Stück ins Visier. Der Schuss bricht, der Überläufer zeichnet nicht. Im Galopp flüchtet die Rotte auf mich zu. Im Maisfeld in etwa 70 Meter Entfernung verhofft die Bache. Wie Soldaten auf Befehl stoppen auch die Überläufer. Mit dem Visier suche ich ein freistehendes Stück. Feuer.

Die Rotte verschwindet im Wald, doch habe ich das Gefühl, gut abgekommen zu sein. Zehn Minuten später finde ich ohne Mühe den Anschuss. Genug heller Schweiß, um mich hoffen zu lassen, dass der Überläufer nicht weit gekommen sein kann. Mithilfe der Stirnlampe folge ich vorsichtig der Fährte ins Dickicht, die Büchse gespannt.

Wie mit einem roten Farbpinsel ausgespritzt ist die Fährte, aber auch nach hundert, nach zweihundert Meter kein gestrecktes Wild. Ergrimmt und mit nachlassender Vorsicht eile ich dem Schweiß nach. Fortwährend kreuzen andere Fährten die meine, aber der Schweiß ist so reichlich, dass ich sie nie aus den Augen verliere. Geduckt folge ich ihr durchs Gestrüpp. Mehrmals reißt mir ein Ast die Pelzmütze vom Kopf, halten Dornen mich fest. Über Dunkelbrücken führt die Bache ihre Rotte über wenige freie Flächen. Hügelauf nimmt der Schweiß stoßweise zu, kleine Gewebeteile sind zu sehen. Im Mondlicht kann ich der Fährte auch ohne Lampe folgen. Nach etwa eineinhalb Kilometern mündet sie ins Nachbarrevier. Schweißgebadet und zutiefst irritiert verharre ich. Wie kann eine Sau bei solchem Blutverlust so weit gehen?

Ich rufe Peter an. Ich merke, dass er meinen Bericht ungläubig zur Kenntnis nimmt. Er meint, wir sollten am nächsten Morgen nachsuchen. Ich stapfe zum Ilderwald zurück. Bei jedem Schritt breche ich ein. Gegen 2300 Uhr erreiche ich erschöpft meinen Wagen.

Am frühen Morgen führe ich Peter zur Stelle, an der ich die Nachsuche abgebrochen habe. Er kann kaum glauben, dass der Anschuss so weit zurück liegt. Wir betreten das Nachbarrevier. Peter kennt den Jagdleiter und rechnet mit seinem Verständnis. Wir folgen der Schweißfährte ohne Mühe einen weiteren Kilometer durch den Wald und über ein Feld bis zur nächsten Dickung. Peter muß zurück nach Kisber. Er verspricht, den Jagdleiter zu verständigen und zu bitten, mit einem Hund nachzusuchen. Das Stück soll nicht verludern.

Am Abend lese ich beim Schwarzwildexperten Norbert Happ nach, dass eine Sau "nach langer und komplizierter Riemenarbeit" mit einem "tiefen Leberschuss mit nach unten offenem Bauchraum" zwanzig Stunden nach dem Schuss lebend gestellt worden ist. Der berühmte Berufsjäger Laszlo Studinka berichtet von einem Hirsch mit Leberschuss, den sein Hund Legeny einen Tag nach dem Anschuss zwei Kilometer weiter aufgespürt hat. Zu denken gibt mir auch eine andere Beobachtung Happs: "Schlechtes Licht führt häufig zu tiefen Schüssen", weil der Schütze "oft unbewußt nach Licht im Zielstachelbereich" sucht und bemüht ist, "genug Sau im Glas zu haben".

Tags darauf erkundige ich mich telefonisch, ob der Überläufer gefunden wurde und welche Wunde er hatte. Der Jagdleiter, so Peter, habe nicht nachgesucht und gemeint, dass Sauen "viel aushalten". Ich bin befremdet. Die Ursache des üblen Ausgangs freilich bin ich. Meine Kugel war nicht sauber genug.


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